Guter Wein dank süßer Früchtchen

 Winzer Ernst Stroh aus Nochern rechnet mit edlem Jahrgang – Anstrengende Arbeit im steilen Hang – Wild sorgt für frühe Lese

 

In diesem Jahr sind die Trauben besonders gut gereift und es wird qualitativ hochwertigen Wein vom Rhein ge- ben, darüber freut sich der Nocherner Winzer Ernst Stroh. Und das obwohl Wildschäden zur verfrühten Lese zwingen. Bei der an- strengenden Arbeit im steilen Hang über dem Mittelrhein kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz.

RHEIN-LAHN. Der Nocherner Winzer Ernst Stroh, seine Frau Wal- traud und sechs Erntehelfer aus den Nachbargemeinden schauen zufrieden auf den großen Anhänger, der mit dicken Kerner-Trauben voll beladen ist. Seit fünf Stunden lesen sie nun schon die köstlichen Früchte. Die Hände kleben, die Sonne strahlt und die Stimmung ist fröhlich, denn in der Bilderbuch- Landschaft über dem Rhein macht die Arbeit sichtlich Spaß.

Eigentlich könnte diese Rebsorte noch ein bisschen länger hängen, doch dieses Jahr gibt‘s die Ausnahme: Wildschwei- ne haben an den Reben genascht und erhebliche Schäden verursacht. Da Wildschäden in Weinbergen nicht bezahlt werden, muss Winzer Stroh selbst durchgreifen: Er stellte eigens Zäune auf, um die Tiere von den Früchten fern zu halten.

Das Lesen der Trauben ist bereits sehr arbeitsaufwendig, nun muss Stroh zusätzlich die Zäune kontrollieren. Täglich sind das etwa drei Stunden, die er für den Rundgang benötigt.

Besonders ärgerlich für den Winzer ist, dass auch die Qualität unter der verfrühten Lese leidet. „Jeder Tag ist für die Trauben kostbar. Jetzt habe ich verschärft Elektrozäune aufgebaut, um wenigstens einen Teil der Früchte stehen zu lassen.“

Kaum sind die letzten Trauben aus den Sammelbehältern in den Hänger geschüttet, geht‘s zum nächsten Weinberg. Ernst Stroh setzt sich in seinen Traktor, der einen weiteren Hänger mit den Helfern zieht und tuckert los. In langsamer Fahrt genießt die Mannschaft den wunderbaren Blick übers Tal und den Rhein. Stolz zeigt Ernst Stroh auf einige seiner insgesamt 22 Parzellen und erklärt, welche Sorten er an- baut. Neben Kerner- und Müller-Thurgau-Trauben sind die tief roten Spätburgunder der absolute Blickfang.

Groß und dick sind die Trauben und die Reben hängen wegen des Gewichts durch. Der Winzer freut sich: „Dieses Jahr sind die Trauben besonders gut. Ich rechne mit edlen Tropfen!“

Am Weinberg angekommen, heißt es zunächst: Vor der Arbeit gibt‘s die Brotzeit. In einer kleinen Holzhütte sind Semmeln, Brot, Käse, Wurst, Kaffee und natürlich Wein bereits vorbereitet. Gute Winzer müssen halt auch zwischendurch Kraft schöpfen, denn die Arbeit ist hart:

Besonders in der Lesezeit von September bis Oktober hat Stroh alle Hände voll zu tun. Er steht morgens um 5.30 Uhr auf, sammelt Trauben ein, keltert sie abends und legt sich manchmal erst gegen drei Uhr morgens ins Bett.

Ein 16-Stundentag ist im Herbst keine Seltenheit“, lächelt er. Stroh ist froh über seine  - zum Teil -  ehrenamt- lichen Helfer, denn es wird ohne Maschinen gearbeitet.

„Viele Leute wissen garnicht, wieviel Zeit und Arbeit in einem Glas Wein steckt. "Im Weinbau gibt es im Jahr keine Ruhezeit und in den steilen Hängen schmerzt auch ab und zu der Rücken. Doch wer den Wein vom Mittelrhein mit seinen billigeren Mitstreitem aus dem Supermarkt vergleicht, merkt schnell den Unterschied. „Die Qualität ist einfach besser“, sagt Ernst Stroh überzeugt. Außerdem weiß er, was er seinen Kunden bietet, denn er sieht das Produkt vom Anfang bis zur Fertigstellung. Und davon kann sich auch jeder selbst überzeugen, wenn Stroh bei Weinproben mit Teilnehmern in seine Weinberge fährt und ihnen seine „Früchtchen“ zeigt.

Romy Hennemann

 

Aus der Rhein-Zeitung vom 1. Oktober 2002. Was hier für die Lese und das Jahr 2002 beschrieben wurde, gilt natürlich für jedes Jahr gleich....